WELLENLÄNGE 2018

OPFERANODEN UND WELLENLÄNGE

 

Prof. Dr. Rudolf Großkopff, Journalist und ehemals Kunstbeauftragter des NDR

und des rbb über die Kunst von Rüdiger Knott

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Sehr geehrter, lieber Herr Marmor, lieber Rüdiger ,liebe Freundinnen und Freunde der Kunst, zum Einstieg möchte ich Sie bitten, sich ein kleines haptisches Vergnügen zu gönnen. So weit noch nicht geschehen, können Sie als temporäres Spielzeug eines dieser merkwürdigen Gebilde in die Hand nehmen…

Wer mit Rüdiger Knotts Arbeiten schon vertraut ist, der weiß, worum es sich handelt. Andere freuen sich vielleicht zu erfahren, dass das, was sie in der Hand halten oder hier sehen, Opferannoden sind. Opferannoden sind flache Metallstücke, meistens aus Zink oder Magnesium. Sie werden an Schiffsrümpfen befestigt. Dort sollen sie Salze und anderes im Wasser schwebendes schädliches Material abfangen. Sie werden also dem Wohl des Schiffs geopfert. Rüdiger Knott findet sie zu hunderten vor allem auf Abwrackwerften. Ihn reizt daran, dass die Ablagerungen jedes Mal andere Formen ausbilden. Jedes Stück ein Unikat. Zum anderen sind Opferannoden Endprodukte in der Verwertungskette unserer Zivilisation. Damit sind sie typisch für die Kunstauffassung Knotts. Sie sind scheinbar nichts mehr wert – und gerade darum für ihn interessant. Es kommt also nicht von ungefähr, dass sie auch in dieser Ausstellung öfter auftauchen.Er selbst hat seine Arbeitsweise auf seiner Homepage in journalistisch-bündiger Weise so beschrieben – Zitat: „Für meine Arbeiten verwende ich ausschließlich alte, ausgemusterte und wertlos scheinende Gegenstände, irgendwo gefunden, in Häfen, an Stränden, in Straßen, auf Baustellen, in verlassenen Werkstätten oder in der freien Natur. Mit abgeplatzten Farben, kräftigen Dellen oder auch nur Schrammen. Das sind meine Rohstoffe; mal Holz, mal Metall, Leder, Stoff, Plastik oder Gummi. Die mir bis dahin fremden Elemente verändere ich nicht, sondern füge sie zu neuen Einheiten zusammen.“ Zitat Ende.

Damit ist klargestellt: Er malt nicht, er zeichnet nicht, er fotografiert nicht, er formt nicht aus Ton oder Metall, er schnitzt nichts aus Holz. Er fügt vielmehr zusammen, montiert – und zwar Abfall. Damit steht er in einer großen Tradition. Um das zu zeigen, kann ich Ihneneinen kleinen Ausflug in die Geschichte nicht ersparen.Anfang des vorigen Jahrhunderts begann sich der herkömmliche Kanon der Kunstformen aufzulösen. Damals tauchten die ersten Künstler auf, die Gegenstände in ihre Bilder integrierten oder sie gleich ganz zusammensetzten. Zu denen, die so dem Tafelbild eine dritte Dimension hinzufügten oder neue Formen erfanden, gehörte der Dadaist aus Hannover: Kurt Schwitters. Er griff nach allem, was ihm unter die Finger kam und schwärmte vom – Zitat: „Wert des Wertlosen“. Zitat Ende. Für die Kunst eigne sich prinzipiell jedes Material, meinte Schwitters. Beide Formulierungen könnten von Knott stammen.

Nach dem Krieg waren es vor allem Amerikaner, die den Spielraum der Kunst erweiterten und dabei immer wieder Grenzen überschritten. Zum Beispiel Robert Rauschenberg, der auf seinen „combined paintings“ so ziemlich alles verwendete, was der Alltag bot.

Bei dieser Entwicklung verlor auch die klassische Skulptur an Bedeutung. An ihre Stelle traten zum Teil das Objekt und die Installation. Auf diesem Feld der unbegrenzten Möglichkeiten bewegte sich bekanntlich auch der Schamane, Joseph Beuys. Ihn und die gesamte Kunstbewegung der Rheinschiene lernte Knott während seiner Arbeit als Journalist in Düsseldorf kennen. Diese Erfahrungen prägten ihn und seine Kunstauffassung. Etwa zur gleichen Zeit entstand eine Kunstrichtung, die „arte povera“ genannt wurde: Die „arme Kunst“, wörtlich übersetzt. Angeführt von dem damals in Italien lebenden Jannis Kounellis machten diese Künstler Front gegen das, was sie Verbürgerlichung und Ästhetisierung der Kunst nannten. Auch ein Stück Protest gegen die Wirtschaftswunderwelt jener Jahre steckt in dieser Kunst. Kounellis zum Beispiel setzte gezielt Materialien wie Kohle, Brandreste oder gebrauchte Säcke ein. Damit kam der Kunst endgültig jene Aura von Erhabenheit abhanden, die viele immer noch von ihr erwarten.

Für mich ist Rüdiger Knott ein später Vertreter dieser Richtung. Dabei treibt er die Auffassungen von Kounellis und Konsorten in zweierlei Hinsicht auf die Spitze. Zum einen ist sein Rohstoff nicht nur arm, sondernarmselig. So sind etwa die Opferannoden in Ihren Händen so verbraucht wie ausgewrungene Teebeutel. Mit ihnen kann außer Knott niemand mehr etwas anfangen. Zum anderen verzichtet er grundsätzlich darauf, wie wir bereits gehört haben, sein Material zu bearbeiten. Es muss passen. Oder es bleibt liegen.

Als ich Rüdiger Knott in den achtziger Jahren kennenlernte, ging es mir ähnlich wie wahrscheinlich anderen auch. Ich war zumindest leicht befremdet. Aber dass da einer wie Oscar aus der Sesamstraße auf Müll stand, faszinierte mich immer mehr. Ich besuchte ihn in seinem Atelier undbewunderte die dort herrschende Ordnung im Chaos. Wir redeten viel überKunst und besuchten zweimal gemeinsam die Biennale in Venedig. Dort erlebte ich ihn auch als Sammler. Als er von einem Ausflug an den Lido zurückkehrte, trug er schwer an buntem Abfall, den er am Strand gefundenhatte. Erstaunlicherweise passte der Müll ins Fluggepäck und fand tatsächlich auch den Weg nach Hamburg-Altona. Seitdem stelle ich mir mit leichtem Mitgefühl vor, wie Strandurlaube für seine Frau Kristine verlaufen und enden… Dabei geht er nicht mit dem Blick starr auf den Boden geheftet durch die Welt. Es scheint, als kämen die Dinge eher zu ihm als umgekehrt. Anders ist natürlich die Situation, wenn er Werften, Werkhöfe oder ähnliche Lokalitäten aufsucht. Dann sammelt er auf Vorrat, was er irgendwann, irgendwo, irgendwie verwenden zu können glaubt. Er ist also alles andere als ein Messi.Angesichts seines Reichtums an Müll kommt irgendwann der kreative Schub. Er fängt an, Dinge zusammenzulegen, zu stellen, zu stapeln, die zunächst nicht zusammen gehören. Man spürt dann förmlich, wie er sich herausgefordert fühlt. Er probiert aus, er schiebt die Materialien hin und her, oder er baut sie aufeinander und wieder ab. Und dann kann es sein, dass die Selbstkritik siegt, und er alles verwirft. Der Schrott wird wieder zu Schrott, zumindest vorläufig. Was vor seinem Auge besteht, ist äußerst bunt gemischt. Auch in dieser Ausstellung sind wieder neue Arbeiten dabei, die keiner Gesetzmäßigkeitfolgen. Manche Stücke beschäftigen sich mit politischen Themen, vorzugsweise ökologischen. Er will uns durchaus vor Augen führen, dass wir rücksichtslos mit der Umwelt umgehen. Hier gibt es zum Beispiel eine Kinderbadewanne, gefüllt mit buntem Plastikmüll. Er stammt von Stränden in Andalusien und auf Lanzarote. Da muss man nicht lange interpretieren.Vieles von dem, was ihm schließlich gut genug erscheint, kommt ohne Aussage, ohne Botschaft aus. Vielmehr tragen solche Arbeiten eine eigene Ästhetik in sich. Man könnte auch sagen: eine eigene Schönheit. Die Schönheit hat es ja nicht leicht im heutigen Kunstbetrieb. Mein Lieblingsbeispiel für die Herrschaft des Unschönen ist der vielen vonIhnen bekannte Jonathan Meese. Was er auf den Markt wirft, ist für mich nicht nur hässlich, sondern auch noch schlecht gemalt. Sein Erfolg ist groß.Bei Rüdiger Knott hingegen mag das Material hässlich sein. Aber was daraus entsteht, ist zum großen Teil auf eigene Weise schön – auch ohne Aura des Erhabenen. Herzlichen Glückwunsch zu dieser schönen Ausstellung, lieber Rüdiger. Und uns allen wünsche ich einen im ursprünglichen Wortsinne guten Abend mit Deiner Kunst.

 

 

 

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