TREIBGUT

TREIBGUT

 

Ausstellung in der Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg vom 25. Juli bis 22. August 2004

Zur Einführung sprach Claus Mewes, Leiter des Kunsthauses Hamburg.

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„Der folgende Vorgang ist allen gut bekannt: Beim Spazierengehen in freier Natur, am Stadtrand oder im Urlaubsort fällt der von Alltagssorgen befreite Blick leicht einmal auf Dinge, die sonst nicht wahrgenommen werden. Man nimmt das am Strand oder am Straßenrand Entdeckte mit nach Hause, legt es zu der bereits existierenden kleinen Sammlung von Fundstücken auf den Schreibtisch oder in die Früchteschale, um es dann doch beim kommenden Frühjahrsputz oder spätestens beim nächsten Umzug zu entsorgen.Bei Rüdiger Knott, dessen erste öffentliche Ausstellung mit über 60 Kunstwerken hier in der Kir-che St. Jacobi gezeigt wird, hat Finden, Sammeln und Verwerten eine andere Qualität. Schon in der Schulzeit als Mitarbeiter von Lokalzeitungen und später als Redakteur der Deutschen Pres-seagentur in Düsseldorf und während seiner gesamten Karriere als Rundfunkmann bis zum Pro-grammchef von NDR 90,3, sammelte Knott mit Leidenschaft Informationen, Mitteilungen und Meinungen, um sie als Nachricht und Meldung für die Öffentlichkeit aufzubereiten und einzu-schätzen.Dieses professionelle Sammeln, Zusammenfügen von Texten und das Gestalten von Programmen findet bei Rüdiger Knott Anfang der Achtziger Jahre ein strukturelles Pendant in einer künstle-rischen Tätigkeit, die zunächst nur gedacht war als Ausgleich zum ständigen Stress im Sender, jedoch inzwischen zu einem Lebensschwerpunkt geworden ist.Die Kunstform des Sammelns und Zusammenfügens nennt die Kunstgeschichte „Assemblage“, ein Begriff, den der autodidaktische Maler Jean Dubuffet Anfang der Fünfziger Jahre für ein Bild, das aus verschiedenen körperhaften Materialien besteht geprägt hat. Die Assemblage ist ein in den Raum ausgreifendes Tafelbild, dessen Elemente aus verschiedenen vorgefundenen oder vorgefertigten Materialien bestehen. Popkünstler wie Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Ed Kienholz und Wolf Vostell „steigen aus dem Bild aus“, ebenso wie Künstler des französischen Nouveau Réalisme. Arman, zum Beispiel, reagiert mit seinen sogenannten „Akkumulationen“–Anhäufungen von Gegenständen des Alltags, die in durchsichtige Blöcke gegossen sind – auf die damalige Wegwerfgesellschaft genauso wie Daniel Spoerri mit seinen aus Essensresten auf Holz-platten zusammengeklebten Fallenbildern.In dieser Zeit des Aufbruchs datiert Rüdiger Knott seine ersten Begegnungen mit bildender Kunst. Er begegnet Künstlern der rheinischen Szene wie Joseph Beuys, Wolf Vostell, Otto Piene, Otmar Alt und Günter Uecker. Und: „ Mit Christo durch das Eifelstädtchen Monschau zu laufen, um es vielleicht zu verpacken, das prägt.“

Allen diesen Künstlern ist der Umgang mit spezifischem Material eigen: Für den Namen Beuys stehen Filz und Fett, Vostell setzt Lebensmittel, Autos und Beton ein, Piene Feuer, Brodwolf die Farbentube, Günter Uecker den Nagel und Christo Verpackungsstoffe.Während die Erwähnten jedoch häufig ungebrauchte Materialien einsetzen oder diese umformen, nutzt Rüdiger Knott für seine Assemblagen ausschließlich alte, ausgemusterte und wertlos schei-nende Gegenstände, die er nicht verändert und die jeweils eine eigene Geschichte in sich tragen. Die Gegenstände weisen mit ihren abgeplatzten Farben, Dellen, Schrammen und Fragmentie-rungen in die Vergangenheit, und mit dieser Distanz zur Aktualität des Alltags befähigen sie den Künstler ebenso wie den Betrachter, ungewohnte Assoziationsketten und individuelle Phantasien freizusetzen.Aus dem Atelier in einen sakralen Raum wie hier in St. Jacobi versetzt, laden sich die Objekttafeln übrigens noch einmal besonders auf – hier könnte man einen geschundenen Torso entdecken, dort ein Porträt mit einer Gloriole aus Pelz, wieder hier einen aufsteigenden Engel. Weiterhin sind die von Rüdiger Knott bevorzugten Fundstücke Fragmente aus unbekannten Produktionszusam-menhängen. Wie die als Rahmen eindrucksvoll eingesetzten „ Brötchensturzkästen.“ Sie entstammen weit entlegenen gesellschaftlichen Bereichen und frem-den Ländern. Die Fundstücke sind eine Art Flaschenpost, eine „message in a bottle“. Entspre-chend sind sie geeignet, assoziative Verbindungen zu ermöglichen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft visuell in Beziehung zu setzen und damit auf eine sonst kaum bemerkte Einheit unserer Existenz in der Welt mit ihren unterschiedlichen Kulturen zu verweisen.Auch erinnern die künstlerisch eingesetzten Fundstücke in ihrem weiterhin spürbaren Verfall, in ihrer Beschädigung, Verwitterung an die Vergänglichkeit des vom Menschen Produzierten, an die unaufhaltsamen Prozesse in den Veränderungen der Zeitläufe. Mir scheint, Zeit ist ein zentrales Thema des Rundfunkmannes – nicht die Sekunde der plötzlich eintreffenden Meldung und die Stunde der Nachrichten, sondern vor allem die soziale Komponente des Phänomens Zeit.“

 

 

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