SPUREN SICHERN 2017

SPUREN SICHERN 2017

 

Colin Ardley über die Kunst von Rüdiger Knott anlässlich der Ausstellung "Spuren sichern" bei Hinz&Kunzt, Altstädter Twiete 1-5, 20095 Hamburg | Dezember 2017 bis Januar 2018

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Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde der Kunst und „last but not least“, lieber Rüdiger,

 

Die Wörter „Spuren sichern “ stehen auf der Einladungskarte zur heutigen Eröffnung. Ein paar schnelle Blicke auf die Bilder und Objekte im Raum sollten genügen um festzustellen, daß man es hier mit einer Art Spurensicherung zu tun hat. Es gibt aber keine Spurensicherung ohne erst eine aufwendige Spurensuche zu betreiben.

 

Also könnte man auch meinen, daß „Der Tatort“ heute nach Hamburg gekommen ist. Zweifellos haben wir es hier mit einem Serientäter zu tun!

So viel wissen wir: der Täter kommt aus Hamburg, wo er hauptsächlich seine Taten verübt. Er ist seit 2004 auf freiem Fuß, nachdem er zuvor viele Jahre als Redakteur, Moderator und zuletzt Programmchef beim NDR eingesessen hat. Seitdem findet man ihn oft in Häfen und auf Strandwegen im In-und Ausland.

 

Merkwürdigerweise hinterlässt Rüdiger Knott selbst keine Spuren, er sammelt und sichert nur, was seine Wege kreuzt. Er rekonstruiert mit Sorgfalt und Feinfühligkeit die Untaten von Anderen. Seine Komplizen, die anderen Täter, die er nie trifft, stellen das Material für seine Taten zur Verfügung. Sie sind Mitglieder einer Bande der Wegwerfgesellschaft zu der wir alle bewusst oder unbewusst gehören. Denn wir sind Teil dieser nachlässigen Entsorgung, von der Rüdiger Knott profitiert. Genau diese Abfälle, diese anscheinend wertlosen oder ausgenutzten Dinge, werden von ihm gerettet und in einem neuen zweiten Leben für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sie erfahren eine Art Rehabilitierung, indem ihnen eine neue Deutung hinzugefügt wird.

 

In Rüdigers Händen werden diese „objets trouvés“, diese gesammelten Fragmente mit ungewisser Herkunft und undefinierbarer Vergangenheit zu Tableaux und Assemblagen der Gegenwart. Manchmal wirken diese neu entstandenen Objekte wie ein Schrein oder eine Grabstätte, oder wie Fetische von Riten eines primitiven oder fiktiven Kultes oder Kultur. Kulturen, die trotz Google Maps und Satellitenüberwachung bis jetzt unentdeckt und verborgen geblieben sind. Nur Rüdiger weiß über Ihre Existenz.

 

Wir haben es nicht mit sogenannten „Readymades“ nach dem Vorbild von Marcel Duchamp zu tun, obwohl reale Objekte dabei sind. Die individuellen Bestandteile bleiben unverändert. Unter Rüdigers Regie werden die hinterlassenen Fragmente (Plastikmüll, Seezeichen, Bretter, Kautschuk, Metallteile, Schiffs- und Hafenmüll und ein Sammelsurium von Materialien) sortiert, dann optisch und haptisch zusammengefügt, neu komponiert und in einen Dialog gebracht. Dies alles geschieht nicht ohne Witz, oder Ironie, oder einen Schuss Gesellschaftskritik. Es geht ihm genau so viel um die Richtigkeit der zusammengefügten Elemente und Formen, als um das Abstimmen der Farben oder farbigen Akzente ohne dabei eine eindeutige Botschaft vermitteln zu wollten oder nur einer Symbolik zu dienen. Rüdiger weiß, daß die Welt nicht schwarz-weiß ist, auch wenn seine Gebilde öfter auf diese zwei Farben reduziert sind. Er bietet keine oberflächlichen Lösungen an und erteilt keine Beurteilungen. Das ist nicht sein Ziel. Er liefert optische Kommentare, visuelle „Begleittexte“, Meditationen über unsere gemeinsame Zeit und unser Zeitalter. Seine wesentliche Narrative ist eine über die Zeit und die damit verbundene Vergänglichkeit. Die Bestandteile seiner Werke verkörpern in sich die Zeit oder die Spuren der Zeit. Die meisten sind schon vom Wetter- von Wind, Regen, Frost, und Sonne und häufig vom Meer verwandelt und transformiert worden. Lackoberflächen sind gebrochen und abgerieben, Plastikteile verblichen und abgeschliffen, Metall rostig oder korrodiert worden.

 

Er erkennt das poetische und visuelle Potential in diesen vernachlässigten Objekten, die an verschieden Orten, in Hamburg, in Spanien, in Venedig, den Elementen ausgesetzt waren. Er sammelt sie, bewahrt sie und wartet bis er weiß was er mit der Ausbeute machen kann.

 

Bei manchen Objekten ist das Sammeln sogar ein modus operandi. Bei einer Arbeit wie „Sammelmeer“, einer Kinderbadewanne voll mit Kunststoffobjekten und Fragmenten, geht es tatsächlich und deutlich ums Sammeln. Hier ist aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet worden. Was bleibt ist eine Vielfalt von Farben und Oberflächen. Viele Objekte sind nicht mehr zu identifizieren, andere wiederum sind erkennbar und kommen ursprünglich aus der Alltäglichkeit. Die Begegnung mit diesen Objekten ist gleichzeitig von konfrontativer Natur, weil wir wissen, daß wir es hier mit einem Mikrokosmos zu tun haben - einem metaphorischen Ersatzbild. Der Makrokosmos in der realen Welt sieht anders aus, nämlich wie eine Art Kunststoff-Flottille, die entsteht, wenn Strömungen Wirbel im Atlantik und im Pazifik formen und dadurch Plastikmüll zusammenführen, die wiederum mehrere kilometerbreite schwimmende Flächen bilden. 2010 gab es grob geschätzt 8 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Ozeanen. Wir haben jetzt 2017 und es ist nicht weniger geworden. Es gibt Müllwirbel die so groß wie Mitteleuropa sind - ein sehr bedenklicher und ernüchternder Gedanke. Die Kinder der Zukunft werden tatsächlich ausgeliefert und mit dem Bade ausgeschüttet.

 

Rüdiger Knotts erfundene Welt ist eine analoge Welt, die Objekte sind haptisch, fast zum Anfassen gedacht und stehen im krassen Gegensatz zu der glänzenden, glatten und nahtlosen „Touch-Screen“ Welt von Silicon Valley, die mittlerweile unsere Gesellschaft von jeder Ecke aus tangiert und sogar dominiert. Man sollte aber nicht denken, daß seine Haltung rückwärts gerichtet ist. Referenzen in seinen Objekten machen klar, daß er über das jetzige Geschehen gut informiert ist, ob in der Welt allgemein oder in der Welt der Kunst.

 

Dass diese Ausstellung in Hamburg stattfindet, macht die Ausstellung zum Heimspiel, daß sie bei Hinz und Kunzt stattfindet, macht sie zu einer Art Doppel- Heimspiel. Die Menschen bei Hinz und Kunzt beschäftigen sich mit dem Leben und dem Überleben auf der Strasse. Die Strasse.....ein buntes Spielfeld für alles was gut und böse im Leben sein kann.

 

Rüdigers Terrain umfasst auch im weitesten Sinn die Straßen von Hamburg. Es ist hier wo er beobachtet, reflektiert, sammelt. Hier ist er zu Hause, hier findet er seine Inspiration und die Bestandteile seiner Kunst. Die Bestandteile, die oft, wie schon geschildert, Fragmente oder Scherben sind. Das bringt mich zu meinem Schlussgedanken, nämlich, dass Rüdigers Welt und das Bestreben von Hinz und Kunzt sich in ihrer Auffassung überschneiden.

 

Es gibt, wie wir wissen, viele Kreationsmythen. In der Kabbalah ist es so beschrieben: Kreation bestand aus einem Akt des göttlichen Rückzugs, bzw. Kontraktion oder Sichzusammenziehens. Während dieses Prozesses wurde Gotts unermessliches Licht zusammengezogen um einen leeren Raum zu kreieren, in dem die endliche Welt sich entfalten konnte. Eine Reihe von Gefäßen wurde geschaffen um die erste Emanation des göttlichen Lichts zu empfangen...die des „Big Bangs“. Laut diesem Mythos war die Emanation des Lichtes so unermesslich stark, daß die Gefäße, die das Licht halten sollten zerschmetterten. Diese kosmische Katastrophe markiert den Anfang von allen Dingen und heisst in der Kabbalah shevirat ha’keilum, die Zerschmetterung der Gefäße.

 

Laut Kabbalitischem Mythos, kehrt nach dem Zerschmettern das meiste Licht der Unendlichkeit zurück zu seiner Quelle, manche Funken jedoch fallen zusammen mit den Scherben der Gefäße und werden in der materialistischen Welt gefangen, wo sie auf Erlösung warten. Mit der kosmischen Zerschmetterung beginnt der Prozess der Heilung oder tikkum, wobei diese gefallenen Funken zu ihrer Quelle zurückkehren sollten. Dies geschieht durch aufrichtige menschliche Handlungen, durch die Erfüllung der göttlichen Gebote und durch das Finden und Extrahieren des Guten, das in allen Dingen einschließlich des Bösen existiert. Bis alle diese Funken eingelöst sind, bleibt die Welt in einem unvollkommenen gebrochenen Zustand und benötigt tikkum, oder Reparatur. Diese Aufgabe des tikkum, ist laut der Kabbalah, das Ziel der Existenz.

 

Rüdiger Knott ist auf seine Art ein Sammler der weltlichen Scherben mit ihren eingesperrten Funken und er fügt sie neu zusammen. Hinz und Kunzt auf ihre Art versuchen menschliches Leben zu unterstützen und zusammenzufügen, da wo die Welt aus den Fugen geraten ist. Die Ausstellung und die Arbeit von Hinz und Kunzt ergänzen sich gut von einem metaphorischen aber auch praktischen Standpunkt her.

 

Ich wünsche Rüdiger eine erfolgreiche Ausstellung, auch im Hinblick darauf, daß der Erlös der Verkäufe Hinz und Kunzt zu Gute kommt.

 

Lieber Rüdiger, es ist mir immer ein Vergnügen Deine neuesten Kreationen zu sehen. Die Einfälle sind überraschend, die Zusammenhänge verblüffend und Deine spielerische Haltung und Energie zu bewundern. Ich wünsche Dir viel Erfolg und viele weiteren kreative Jahre. Ich habe eine Bitte an die Hamburger Justiz: Lassen Sie diesen Serientäter weiter freilaufen! Er hat noch viel zu tun.

 

Dem Publikum wünsche ich eine schöne Entdeckungsreise. Seien Sie aufmerksam, schauen Sie genau hin, die Arbeiten sind nicht so einfach, wie sie manchmal beim ersten Blick erscheinen. Vielen Dank für die Einladung und für das Zuhören.

 

Colin Ardley, Dresden Dezember 2017

 

 

 

 

 

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