SCHÖNER MÜLL

SCHÖNER MÜLL

 

Prof. Dr. Rudolf Großkopff, Journalist und Kunstbeauftragter des NDR

und des rbb über die Kunst von Rüdiger Knott

Hier zurück zur Übersicht

 

 

Da kommt zusammen, was nicht zusammen gehört. Als eine Art Bildträger dient ein Seezeichen. Das ist ein großes Schild, das Schiffen den Weg gewiesen hat. Zwei rote und dazwischen ein weißer Streifen, die sagen: Durchfahrt verboten. Auf der mittleren, der weißen Fläche ist ein lederner Patronengürtel angebracht, gefüllt mit gebrauchten, teilweise verrosteten Geschossen und mit allerlei Überbleibseln der Zivilisation – darunter das Bein einer Puppe.

Das Schild hat Rüdiger Knott bei dem Unternehmen Strom- und Hafenbau im Abfall-Container entdeckt. Der Gürtel stammt von einem Trödelmarkt in Spanien, die Schrotpatronen hat er in andalusischen Jagdrevieren aufgelesen, der Rest ist Alltagsmüll. Wer will, kann in diesem Materialbild die stark verfremdete Darstellung eines Stückgutfrachters sehen. Oder ein Vanitas-Stillleben, das an die Vergänglichkeit menschlichen Tuns gemahnt. Oder eine Erinnerung daran, dass Kultur nicht nur aus polierten Oberflächen entsteht oder besteht.

Wenn ich Knott richtig verstanden habe, ist es ihm egal, was der Betrachter in seinen Objekten, Installationen und Assemblagen sehen will. Er hat keine Mission. Er ist einfach nur fasziniert von Chancen, die schrottreife Dinge seinem Drang zur bildnerischen Komposition anbieten.

Um sich für diese Arbeit des Zusammenfügens eine möglichst breite Materialbasis zu sichern, zieht er als unersättlicher Jäger und Sammler umher. An Stränden, Flussufern, Straßenrändern oder im Abfall von Haushalten und Werkstätten liest er das auf, was andere weggeschmissen haben. Kein Wunder, dass sein Atelier sich auf den ersten Blick wie das Lager eines Messie ausnimmt. Dann aber entdeckt man in dem Sammelsurium eine sorgfältig aufgebaute Ordnung, die jederzeit den Zugriff auf passende Stücke erlaubt.

Dieses geordnete Chaos und die Ergebnisse des kompositorischen Blicks erinnern an einen ziemlich jungen Begriff aus dem Kunstbetrieb. Kunstschaffende lehnen es ja gern ab, sich etikettieren zu lassen. Aber manchmal hilft ein Schlagwort bei der Einordnung. In diesem Fall stellt sich der Begriff arte povera ein, der aus den 60er Jahren rührt. Nach einem beliebigen Lexikon handelt es sich dabei um eine Kunst, „die bewusst einfache, ärmliche, reduzierte Materialien verwendet. Sie will die Komplexität des Einfachen zur Geltung bringen.“ Genau darum geht es hier, die Prinzipien der „armen Kunst“ sind bei Knott sogar auf die Spitze getrieben.

Wobei auffällt, dass die Ergebnisse im Laufe der Jahre nicht gefälliger, wohl aber harmonischer geworden sind. Das Schöne hat ja in der heutigen Kunst keine Konjunktur. Bis zur Wende zum 20. Jahrhundert bestimmte es das Denken der Kunstwelt. Dann ging es immer mehr um das Wahre. Neben hervorragender Kunst hat dieser Trend viel Schund hervorgebracht: schlechte Bilder und Skulpturen oder solche, zu deren Verständnis du erst einmal einen längeren Aufsatz konsumieren musst.

Die in diesem Katalog abgebildeten Arbeiten benötigen solche Erklärungen nicht. Für den, der sich auf sie einlässt, kommen da Dinge zusammen, die auf wundersame Weise eben doch zusammen gehören. Und dann in eine ungewohnte Dimension des Schönen führen.

 

Blick in den Katalog "Der Lack ist ab!" im Archiv

©Objekte & Materialbilder: Rüdiger Knott | Datenschutz | Webdesign & Fotografie: Henning Alberti | www.henningalberti.de | all rights reserved