ENTDECKEN!

ENTDECKEN! – IST DAS KUNST ODER KANN DAS WEG?

 

Thomas Sello über die Kunst von Rüdiger Knott anlässslich der Ausstellung "Entdecken!" im Winterhuder Kunstsalon | November 2016

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Wie oft begegnen wir schmunzelnd diesem Spruch – als heiterem oder gar aufgebrachtem Kommentar zur zeitgenössischen Kunst. Oder die Frage schießt uns beim sperrmüllmäßigen Aufräumen im Keller oder Dachboden durch den Kopf.

Doch für Rüdiger Knott ist es die falsche Frage, wenn er seine Beutezüge macht, in Fabrikhallen, Schiffswerften, bei archäologischen Grabungen (etwa in Harburg) an Flussufern und Stränden. Natürlich ist das, was er findet, nicht Kunst, und doch kann es sehr oft nicht weg. Vieles ist noch nicht Kunst, aber kunstträchtig. Wenn unterwegs die Spürnase Alarm schlägt und sich bei dem Künstler der Verdacht regt, dass dies Fundstück zur Kunst werden könnte, nimmt er es mit in sein Materiallager: Egal ob Holz, Glas, Kunststoff oder Metall, geschunden von Wind und Wetter, Salzwasser, Bruch und dem Zahn der Zeit. Die Dinge sind in der Regel nutzlos, wie die Bremer Stadtmusikanten, deren einstigen Herren nichts mehr für sie übrig hatten. Auch hinter dem Augenschein von Knotts Fundstücken mögen sich manche wundersamen Geschichten verbergen.

Und nun harren sie mit hunderten anderer Aspiranten auf ihren Auftritt, den Kairos, den rechten Augenblick. Dazu gehören die Idee des Hexenmeisters, seine Stimmungen und Launen. Und natürlich brauchen sie für ihren Auftritt, wie der Schauspieler auf der Bühne, in der Regel ein Ensemble von Mitspielern, mit denen zusammen sie ihre Geschichten erzählen können in phantastischen Sprüngen durch Länder, Kontinente und Jahrhunderte. Wenn dann ihr Regisseur, Rüdiger Knott, die Dinge in seinem Lager erneut zur Hand nimmt, wiegt, rundum befühlt, kombiniert, dreht, verschiebt und schließlich montiert (figiliensch, wie man in Hamburg so sagt), dann sind sie in der Tat zur Kunst geworden und der Vergänglichkeit des Alltags entrückt. Nun sind sie bereit für ihren Auftritt. Das kann eine Kirche sein, eine Galerie, eine Wohnung, ein Forum für Kunstausstellungen, aber vor allem auch ein ganz anderer Ort, wie hier im Winterhuder Salon, im Atelier der Malerin Almut Broer, wo die einstige Schülerin von Rudolph Hausner ihre phantastischen, wundersam realistische Bilder malt, die uns im Treppenhaus bereits begegneten und für die Ausstellung weggeräumt wurden, wobei manche Dinge als Rahmen unserer Ausstellung geblieben sind, Staffeleien und Alltäglichesoder Erinnerungsstücke der Kindheit, die einst mal der Malerin Modell gestanden oder gelegen haben. Vielleicht mag Rüdiger Knott mit einem Griff in die Ecke die ein oder andere Puppe mitgehen lassen?

Und hier wären wir dann auch schon bei den Anfängen der Geschichte der Fundstücke, beim 'Objet trouvé'. Marcel Ducamp war es, der 1917 im New Yorker Grand Palace bei der Society of Independent Artists ein handelsübliches Urinal ausstellte, um 90 Grad gedreht und mit dem Titel „Fountain“ (Fontäne) versehen. Was dieses Objekt zur Kunst verwandelte, war die Verfremdung, die der Titel und der Ausstellungsort bewirkten – und natürlich auch die Empörung der Jury, die das Objekt nicht zuließ und es vielleicht auch dadurch weltberühmt machte.

Es ist insbesondere der Kontext, der Anlass und der Ort, der die Fundstücke als Kunstwerke zum Klingen bringt. Da ist unser Winterhuder Salon ein ganz besonderer Ort, ein Atelier, das plötzlich zur Kulisse wird, ein Resonanzkörper, der auf schrille oder heiter dialogische Weise räsonieren kann. So war es ein ganz besonderes Erlebnis, als wir mit dem Freund und Künstlerkollegen Erke Kurnies vor zwei Tagen die Inszenierung und Umfunktionierung des Ateliers betrieben. Einerseits der dialogische Zusammenhang mit dem vorgefundenen Raum, andererseits die solistischen Auftritte der Materialbilder, die (wie unser Ausstellungstitel sagt) „entdeckt“ werden sollen. Eigentlich hatten wir beim Hängen das Gefühl, die Werke würden ihren Platz von allein finden, nachdem erst einmal die Arbeit der Einladungskarte ihren Ort gegenüber des Eingangs bekommen hatte: „Dada 100 Jahre“, nakte Puppenkörper, die mich an die Puppenstube meiner großen Schwester erinnern, zum Torso verwandelt, nachdem ich mich an ihren Gliedern zu schaffen gemacht hatte. „DaDa“, der Name einer für die Moderne entscheidenden Künstlerbewegung, ein Wort, das vor 100 Jahren in Zürich von einer Künstler-Gruppe unterschiedlicher Sparten zufällig im Wörterbuch gefunden wurde. „DaDa“ (so stand es im Lexikon) nennen Kinder auf Französisch das Steckenpferd. Und so nennt Rüdiger Knott die beinlosen Torsen der zerrupften Puppen mit dem zerbeulten Ball, hängengeblieben an einem Brett mit Holznägel, wohl als Gläsertrockner konstruiert. Das Pendent zu dieser Arbeit findet sich „ohne Titel“ an derselben Wand ganz links, ein dunkles Puppenbein, das sich aus der Wand zu lösen scheint und aus der Puppenecke mit den einstigen Modellen von Almut Broer. Wo Rüdiger das Bein wohl gefunden haben mag?

Gewiss ist, dass die Opferanode daneben ein Mitbringsel der letzten USA-Reise ist, gefunden vor einigen Wochen in Rhode Island, getauft auf den Namen Fairhaven. Warum der Name und wie es möglich war, das Objekt unbehelligt ins Flugzeug zu bekommen? Natürlich wird uns Rüdiger Knott die Fragen beantworten können, wie er zu jeder der Arbeiten die Geschichte weiß. Aber er rückt sie am liebsten erst heraus, wenn wir uns auf das jeweilige Werk eingelassen haben, auf die Sprache des Materials gelauscht und die herrlichen Spuren der Zeit entdeckt haben, von natürlichen Ablaufprozessen durch Wasser, Luft, Erde oder Verschleiß durch die Benutzung der Menschen.

Abgenutzt und verblichen sind die Dinge, im Spiel der Gezeiten, von Ebbe und Flut, nicht nur im Sinne von Hoch- und Niedrigwasser, das uns der Mond beschert – bis hin zur Springflut, sondern auch im Wechsel der besseren und schlechteren Tage, von denen jeder Mensch und auch jedes Fundstück von Rüdiger Knott sein Lied singen kann. Deren Lieder sind in der Regel Moritaten, die auf dem Sperrmüll enden, oder beim dem Abbruch von Gebäuden, auf Schrotthalden, im Abfall von Schiffswerften oder gar in der „Hansetischen Materialsammlung“, eine behördliche Fundgrube für den Kunstunterricht, wo Rüdiger Knott Dauergast ist. Die Dinge können nachdenklich stimmen, schon spontan auf den ersten Blick, und um so mehr, wenn wir etwa zu dem merkwürdige Paar zerfetzter Sandalen mit den Nagelsohlen den Werktitel „Montauk“ erfahren, den Namen der vom brandenden Meer umspülten, äußersten Spitze von Long Island, wo Max Frisch 1975 seine gleichnamige Erzählung schrieb - zu einer Zeit, als Rüdiger Knott gerade seine Karriere als Journalist begann, und vielleicht auch damals Stellung bezog bei der heftig geführten Diskussion über die Offenbarung einer ganz persönlichen Liebesgeschichte. So stimmen viele Werktitel unserer Ausstellung nachdenklich, lesen sich wie Poesie und öffnen viele Wege der Deutung:

• Mein Traum vom schwarzen Kontinent                                               

• Das Leben ist fragil                                                

• Dada heute                                                                                                         

• Tief unten im Meer                                                                                                     

• Spuren vor Montauk                                                                                               

• Endlich: jetzt wird gespielt!                                                                           

• Tunesische Straßenblume   

• Spuren vor Montauk

Die zuletzt genannten Werke auf der Eingangswand laden ein zum Nachdenken über etwas, was die Kunstgeschichte seit 500 Jahren beschäftigt. Das Genre des Stilllebens. Das wohl früheste Beispiel hängt in der Alten Pinakothek, gemalt 1504 von dem Venezianer Jacopo Jacopo de' Barbari. Es besteht aus einem Rebhuhn und einem Paar Eisenhandschuhe, befestigt an einem Brett, dargestellt mit allen Details der Maserrung und an den unteren Bildrand aufgespießt der für Venedig typische Cartellino, das Zettelchen mit der Künstlersignatur. Es ist ein faszinierender Brückenschlag zu den mit Eisennägeln beschlagenen Sandalen für Angler an der felsigen Küste. Vielleicht ist dem venezianischen Maler bevor er zum Pinsel griff der Kram mehrfach herunter gerutscht, bevor alles fürs Bild richtig hin – so erging es jedenfalls uns beim Hängen.

Und so möchte ich den Sprung in die Kunstgeschichte nach ein wenig vertiefen, zurück zu den Stillleben der Barockzeit, dem nature morte, der toten Natur, Sinnbilder für die Vergänglichkeit des Lebens und der Schönheit: gemalte Jagdtrophäen, welke Blumen, Früchte, von Insekten und Lurchen befressen, Frühstücksstillleben, halb abgeräumt mit angefaulten Leckerbissen, mit zerbrochenen Gläsern und Geschirr. „ Stil leven“ so werden die unbewegten Dinge in Holland genannt: Kostbarkeiten und Verfall, so haarschaft genau genalt, dass sie die Sinne der Betrachter täuschten, und doch die Vanitas, den leeren Schein und die Nichtigkeit irdischer Güter zur Botschaft hatten. Jene Barockmaler, die mit ihren Stillleben an Stelle von Kruzifixen vor allem in den kalvinistischen Niederlanden ihre Blüte hatten, beriefen sich in ihrer das Augen täuschenden Malerei, französisch Trompe-l'œil, auf die im 17. Jh. verbreitete antike Legende von den Malern Parrasios und Xeuxis Um 400 v. Chr. soll es auf dem Athener Markplatz einen Wettstreit gegeben haben. Wer würde mit seiner Kunst die Natur am täuschend genauesten widergeben. Der berühmte Zeuxis lüftete zunächst den Vorhang seines Bildes, und die Vögel schossen vom Himmel, um in seine Leinwand mit den gemalten Trauben zu picken. Siegesgewiss forderte er nun den Rivalen auf, den Vorhang von seinem Bild zu lüften. Doch das war nicht möglich, denn der Vorhang war gemalt. So wurde Parrhasios zum Sieger erklärt weil er nicht nur die Vögel sondern auch das Auge des Malers getäuscht hatte. In dieser Tradition gibt es ein ganzes Kabinett im Kopenhagener Staaten Museum mit Stillleben und Augenbetrügereien, so dass man immer am liebsten die Kunst anfassen möchte, um zu fühlen, ob es echt oder gemalt ist. Und da stößt man auf eine Staffelei, die in der Tat beides ist, gemalt und auch dreidimensional, wie die Assemblagen unserer Ausstellung.

Und so, umgekehrt wie bei der Barockmalerei, stehen wir vor manchen Werken von Rüdiger Knott: „Das muss doch gemalt sein“ – ist es aber nicht. Dazu gehört z. B. die Tunesische Straßenblume. Was ist hier gemalt und was Objekt? Tatsächlich ist gar nichts gemalt. Das bröselige Weiß des Brettes bewirkte das Hamburger Schietwetter, dort, wo wir den Stil sehen, muss einst, bei Sprühen Streichen des Brettes, etwas gelegen haben. Das plattgedrückte Metall wurde in Tunesien am Straßenrand entdeckt und allenfalls für den Auftritt im Bild unmerklich zurechtgebogen. Wir können es kaum glauben, dass diese Fundstücke zu wunderschönen Bildwerken zusammengefügt wurden, ohne dass der Künstler sie mit Pinseln, Schleifgeräten oder anderen Werkzeugen bearbeitet hätte. Und wir wundern uns: Was ist das für eine Welt, in der all diese schönen, geheimnisvollen Dinge als Rohstoffverschwendung und schädlicher Überfluss die Natur zu Land und im Wasser belasten?

Rüdiger Knott, der vor über fünfzehn Jahren sein Atelier am Kopf der Elbbrücken in Rothenburgsort eröffnete, gibt hierauf keine Antwort. Damals hatte er bereits eine rund dreißig jährigen Karriere als Journalist hinter sich. Seit 1974 war er Hörfunkredakteur und –moderator beim NDR, zuletzt Programmchef vom NDR 90,3.

Seine Kunst, der sich Knott ab 2004 ausschließlich widmete, knüpft an seine Erfahrungen und Erlebnisse als Kunstjournalist in Düsseldorf anknüpft, wo er in den 70er Jahre intensive persönliche Begegnungen mit der avantgardistischen Kunstszene erlebte, zu der Daniel Spoerri, Günther Uecker, Imi Knoebel und natürlich auch Joseph Beuys gehörten. Die mehrfache Teilnahme an der Hamburger Sommerakademie bestärkte ihn ein seinem künstlerischen Weg, der zu immer neuen Spuren führt. Dazu gehört auch das Zerlegen ältere Werke, um einzelne Elemente in neue Zusammenhänge zu bringen.

Ist das Kunst, oder kann das weg? Als einstiger Kulturjournalist und insofern intensiver Betrachter weiß er, wie wichtig und schön es ist, vor einem Werk seine eigenen Bilder und Gedanken zu finden. So sind wir frei auf der Suche nach der Kunst und ihrem Sinn.

Thomas Sello

 

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