DER LACK IST AB!

DER LACK IST AB!

 

Ausstellung vom 12. November 2004 bis 31. Januar 2005

Oberlandesgericht Dresden, Ständehaus

Auszüge aus der Eröffnungsrede von Prof. Dr. Harald Marx, Leiter der Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Hier zurück zur Übersicht

 

 

„Die Kunst steckt in der Natur, wer sie heraus kann reichen, der hat sie“. Dieser Gedanke von Albrecht Dürer hat im 20. Jahrhundert eine ganz neue Bedeutung gewonnen. Die Dinge selbst wurden Kunst, wenn ein Künstler sie berührt, und sei es nur mit den Augen.Wir eröffnen heute eine Ausstellung mit Fotos von Friederike Kübler und mit Assemblagen, Materialbildern und Objekten von Rüdiger Knott. Auf verblüffende Weise begegnen sich diese Werke, klingen zusammen als wären sie geschaffen, sich zu ergänzen. Und doch können sie, die Objekte und die Fotografien auch einzeln in jedem Werk für sich die Betrachter erreichen. Ja, wenn wir genauer hinsehen, werden auch Unterschiede deutlich: Es zeigt sich, dass diese scheinbare Harmonie voller Spannung ist.Friederike Kübler fotografiert, was nicht mehr ganz neu ist. Und Rüdiger Knott nimmt es gleich mit ins Atelier. Alles, was nicht niet- und nagelfest ist und was ihn optisch reizt. Beide spüren den Reiz der Vergänglichkeit nach, der Schönheit des Verfalls. Der Lack ist ab. Und ge-rade dadurch werden die Dinge für uns interessant, auf die eine oder auf die andere Weise.Und für Rüdiger Knott beginnt dann erst ein wesentlicher Teil der künstlerischen Arbeit. Er stellt die Fundstücke zusammen, bearbeitet sie, komponiert eigentlich fremde Elemente zu einer neuen Einheit und auch die Farbe bleibt nicht immer wie sie war. Charakter trägt sich aus im Altern. Ewige Jugend ist ein gesellschaftlicher Wahn, sollen Erinnerungen denn keine Spuren hinterlassen? Aber solche Spuren sind fast nie eindeutig. Warum befindet sich ein Fundstück gerade an dem Ort, wo wir es sehen? Was hat diesen, gerade diesen seinen Zustand bewirkt?Meist bleiben solche Fragen ohne Antwort, sie bleiben rätselhaft und darin liegt Magie, Magie der Kunst und Magie der Dinge. Das ästhetische Vergnügen am Verfall äußert sich in den Fo-tografien der Wahldresdnerin Friederike Kübler, und es äußert sich genau so in den Arbeiten von Rüdiger Knott, der in Hamburg lebt.Was alt ist oder schnell gealtert und nutzlos im Sinne der ursprünglichen Verwendung, das stellt Rüdiger Knott – darf man sagen spielerisch - in neue ästhetische Zusammenhänge, Zusammenhänge, die nur noch einzelne Elemente der Form, der Farbe bewahren und verfrem-den zugleich. Gebilde mit einer Ausstrahlung und Anmutung, die nichts, aber wohl auch gar nichts gemein haben mit dem Zweck Ihrer früheren Existenz.Es ginge auch anders: Andy Warhol hat gezeigt, wie selbst aus den Dingen, die wir täglich benutzen, die ihren Neuwert nicht verloren haben, Kunst werden kann, Pop Art.

Aber Rüdiger Knott greift auf andere Vorbilder zurück, Kurt Schwitters darf man nennen, der in Dresden an der Akademie studierte und seine genannten Merzbilder – ich zitiere: „aus wesensfremden Bestandteilen zum Kunstwerk vereinigt hat durch Kleister, Nagel, Hammer, Papier, Stofffetzen, Maschinenteile usw.“ Das Fundstück, das objet trouvè, stand immer am Anfang der Inspiration und des Gestaltens. Fantasievoll im Umgang mit allen verfügbaren Materialien, das trifft für Schwitters und damit für Merz als besondere Form des Galerismus genauso zu wie für die Fundstücke, Assemblagen und Materialbilder von Rüdiger Knott. Und überall ist der Lack ab. Kurt Schwitters übrigens hat das an sich sinnlose Kunstwort „ Merz“ mit dem er seine Kunstwerke bezeichnete, abgeleitet aus dem Wort Commerzbank.Assemblagen und Materialbilder, die Kunst musste weite Wege gehen, ehe uns heute solche Arbeiten gar nicht mehr befremdlich, sondern verständlicher, beinahe selbstverständlich sind. Es haben Künstler schon in früheren Zeiten augentäuschend gemalt. Man sah das Bild und fragte sich, ob vielleicht die Sache selbst und kein Abbild vor den Augen der Betrachter stünden.Heute ist es einer von vielen Wegen in der Kunst, die Dinge selbst, nicht Ihre Abbilder, spre-chen zu lassen. Interessiert es uns eigentlich noch, was die Fundstücke einmal waren, die Rüdiger Knott verarbeitet hat oder anders gefragt: Bedeutet es noch etwas? Sie sind Rohstof-fe für Ihn, Material, mit dem er arbeitet. Freude empfinden wir zu sehen, was aus solchen Überresten geworden ist. Kein Wehmut, dass Dinge so vergehen mussten, keine Anklage:“ Was its so prächtig blüht, wird bald zertreten sein“, hat Gryphius gedichtet.In den Materialbildern und Assemblagen von Rüdiger Knott verlieren die Dinge selbst und ge-winnen zugleich. Sie werden aus ihrem Zusammenhang gerissen, aber fast alle waren schon als Fundstück aus dem ursprünglichen Zusammenhang in eine neue zweckfreie Existenz getreten. Was ihnen diese neue, die Existenz als Teil eines Kunstwerkes möglich macht, das ist der ästhetische Reiz des Verfalls, der Zerstörung. Auch hier die Melancholie des Verlas-senseins und die Verfremdung. Materialien werden kombiniert, die wir so nicht zusammen vermuten würden. Holz und Eisen und Fell, da darf man an die fellüberzogene Tasse von Meret Oppenheim erinnern.Manches ist mehr gruselig als schön. Dass Fantasiegebilde entstehen, assoziiert Bilder, wir staunen, wenn wir erfahren, dass Bäcker- Brötchenkästen immer wieder Grund und Rahmen abgeben. Der Künstler bemächtigt sich der Dinge, über die das Leben hinweg gegangen ist und holt sie damit zurück ins Jetzt und Heute. Eine solche Faszination kann vom Zerstören und Verrotten, kann vom Verfall und Alter nur ausgehen, weil das nicht die Regel, sondern weil es die Ausnahme ist, mehr und mehr verdrängt aus unserer tagtäglichen Lebensum-welt.Der Künstler als Bewahrer? Die Werke als rätselhafte Zeichen, die aus der Vergangenheit Botschaften bringen, die schwer zu entschlüsseln sind.Gleichzeitig mit solchen Fotos und Materialbildern, die Verfall dokumentieren, ist an vielen Orten Neues entstanden. Da ist der Lack noch dran. In Hamburg und viel mehr noch in Sach-sen. Die Ästhetik der Vergänglichkeit beherrscht das künstlerische Schaffen von Friederike Kübler. Nur, weil der Lack ab ist, werden die Dinge interessant, werden sie auch zum Mate-rial der Werke von Rüdiger Knott. Zwei Autodidakten die sich ganz ihrer Kunst verschrieben haben. Man spürt, dass sie es ernst meinen mit ihrer neuen Rolle als Künstler und als Foto-grafikerin in unserer Gesellschaft heute, in einer Welt, die immer neue Positionsbestimmun-gen von jedem Einzelnen verlangt. Der Lack ist ab, und wir verstehen, für ein sinnerfülltes Leben ist lackierte Oberfläche nicht das Wichtigste.

 

 

©Objekte & Materialbilder: Rüdiger Knott | Datenschutz | Webdesign & Fotografie: Henning Alberti | www.henningalberti.de | all rights reserved